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Native Speaker sein reicht nicht

Verstehen Ihre Kunden und Mitarbeiter Sie auch international? Translationswissenschaftlerin Michèle Cooke erzählt vom Brückenbau zwischen den Kulturen, den Tücken wackeliger Konstruktionen und wie Unternehmen, die beim Übersetzen sparen, am Ende doch nur extra draufzahlen.

Viele glauben, wenn man zwei Sprachen beherrscht, ist Übersetzung das reinste Kinderspiel. Was sagen Sie als Expertin dazu?
Nun, dass Übersetzen nicht einfach ist, sieht man allein schon am Studium der Translationswissenschaft: Die Ausbildung zur Übersetzerin oder zum Übersetzer dauert mehrere Jahre. Zweisprachigkeit ist dabei nur der Anfang. Besonders bei Englisch sollte man aufpassen. Da wird heute natürlich viel übersetzt. Viele können auch hervorragend auf Englisch kommunizieren. Das bedeutet aber nicht, dass sie selbst übersetzen können oder qualifiziert sind, eine Übersetzung zu beurteilen.

Warum ist reine Sprachbeherrschung dafür nicht genug?
Zunächst überträgt sich ein gutes Sprachgefühl ja nicht automatisch von einer Sprache auf die andere. Viele Menschen haben ein unglaubliches Gespür dafür, wie man etwas in der eigenen Kultur und der eigenen Sprache ausdrückt. Dabei wird aber oft vergessen, dass interkulturell andere Regeln gelten. Auch Muttersprachler – oder Native Speaker – sind nicht das Gelbe vom Ei. Denken Sie an die acht Millionen Österreicher und Österreicherinnen, die deutsch sprechen. Wie vielen davon würden Sie zutrauen, eine Pressemeldung für Sie zu schreiben? Eigentlich offensichtlich, aber wenn’s ums Übersetzen geht, meinen viele Unternehmen, es reicht völlig aus, wenn jemand ein Native Speaker ist.

Ist das der Grund für die vielen Übersetzungshoppalas, die uns, gerade in Firmenpublikationen, immer wieder unterkommen?
Teilweise. Aber oft sind auch die Auftraggeber selbst nicht ganz unschuldig: Unternehmen verbringen mitunter sechs Monate damit, eine Werbekampagne zu entwerfen – und die Übersetzung soll dann in drei Tagen erfolgen. Besser noch in einem. Und dann wundert man sich, wenn das nicht gut ist.

Aber ist das nicht gerechtfertigt? Schließlich ist das Planen einer Kampagne ein kreativer Schaffensprozess.
Das ist das Übersetzen auch. In der Translation – egal ob in der Sprechsituation beim Dolmetschen oder in der schriftlichen Kommunikation beim Übersetzen – geht es nicht einfach nur darum, zu wissen, was dieses oder jenes Wort in einer anderen Sprache heißt. Übersetzung ist grundsätzlich immer eine Neugestaltung der Kommunikation – auch wenn’s nur ein Wort ist.

Wie kann man sich das vorstellen?
Ein kleines Beispiel: Vor ein paar Jahren habe ich eine englischsprachige Einladung zu einer internationalen Veranstaltung der Stadt Wien bekommen. Auf edlem Papier, mit eleganter Schrift stand ganz zum Schluss der Satz: „This invitation must be shown at the door.” Sprachlich ist das eine perfekte Übersetzung der deutschen Formulierung „diese Einladung ist beim Eintritt vorzuweisen“. Nur auf der Beziehungsebene wirkt das im Englischen derart autoritär und abweisend, dass es als Einladung schlichtweg fehlschlägt.

Ist das nicht mehr ein Höflichkeitsanspruch als eine Frage von guter Übersetzung?
Ganz und gar nicht. Kommunikation – und dazu gehört auch Übersetzung – ist mehr als bloßer Informationsaustausch. In erster Linie geht es praktisch immer um die Gestaltung einer Beziehung. Denken Sie an ärztliche Infoblätter im Warteraum. Wenn da die zwischenmenschliche Ansprache nicht funktioniert, dann entsteht ein emotionaler Widerstand und die Inhalte haben gar keine Chance, anzukommen. Informationsvermittlung kann nur dann klappen, wenn das andere schon geklappt hat und man die Inhalte auch aufnehmen will. Erst muss die Beziehungsebene stimmen. Und das gilt besonders für die Businesswelt. Ein Geschäftsbericht muss natürlich Informationen enthalten. Nur warum will man als Unternehmen überhaupt einen Geschäftsbericht veröffentlichen? Es geht natürlich auch um PR, und das sollte man ernst nehmen: Public RELATIONS. Es ist unfassbar, wie viel Unternehmen in PR investieren – und dann sparen sie beim Übersetzen. Aber das Übersetzen ist genauso PR!

Woran liegt es, dass das Qualitätsbewusstsein bei Übersetzungen mitunter wenig stark ist?
Tja, das ist eben wie bei jeder fachlichen Tätigkeit: Man kann von außen nicht erkennen, was alles hineinspielt, also muss man den Fachleuten vertrauen können. Wenn ein Maler bei mir ausmalt, dann bin ich auch einfach froh, wenn die Farbe stimmt. Ich habe keine Ahnung, ob er das gut macht oder nicht. Bis dann vielleicht jemand anderer kommt und sagt: „Wer hat das denn gemacht? Sehen Sie denn nicht? Das und das stimmt nicht. Da wurde die billige Farbe vom Baumarkt genommen und nicht die Qualitätsfarbe“ und so weiter. Die Details sieht nur der Experte oder die Expertin. Der entscheidende Unterschied bei der Übersetzung ist aber, dass diese unscheinbaren Details ganz konkrete Auswirkungen auf die Beziehung zu den Lesenden haben.

Zum Schluss noch eine provokante Frage: Da ohnehin fast alle Englisch sprechen, braucht man überhaupt noch Übersetzungen? Kann man den österreichischen CEO für das interne Mitarbeitermagazin der Werkarbeiter in Ungarn nicht auch einfach auf Englisch interviewen?
Grundsätzlich gibt es immer verschiedene Lösungen in der Kommunikation. Das Problem beim Übersetzen: Es kostet. Aber auch für Layout, Fotos etc. muss man zahlen. Wenn man es sich leisten kann, sind Übersetzungen in die jeweiligen Landessprachen eigentlich immer ihr Geld wert. Wir fühlen uns schließlich alle am wohlsten, wenn jemand sich die Mühe macht, uns in unserer eigenen Sprache anzusprechen. Im konkreten Fall eines Interviews muss man auch das Ziel mitbedenken. Meist geht es im Gespräch darum, in kurzer Zeit das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. Für viele ist diese Fokussierung nicht leicht und in der Fremdsprache umso schwieriger. So entstehen vielleicht nichtssagende Texte. Ein guter Interviewer wird natürlich versuchen, genau da gegenzulenken und ein bisschen aus der Defensive zu locken. Wenn das gelingt, kann es schon auch Sinn machen, das Interview direkt auf Englisch zu führen. Ob Übersetzung oder nicht, Unternehmen und auch Agenturen sind jedenfalls gut beraten, in gute Kommunikation zu investieren.

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Michèle Cooke
ist Professorin für Translation am Zentrum für Translationswissenschaften der Universität Wien. Ihr Motto für den sprachlichen Austausch zwischen den Kulturen hat sie vom britischen Autor E.M. Forster übernommen: only connect. Foto
© Markus Morianz

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