Storytelling: Ein digitales Lagerfeuer

Kann jeder eine Geschichte erzählen? Der Verleger Hannes Steiner sagt: Ja! Mit seinem Online-Projekt Story.One will er das Geschichtenerzählen für die breite Masse so einfach wie möglich machen. Das Ziel: Die komplette Öffnung der Verlagsbranche.

Eine Geschichte hat jeder. Menschen eine Plattform zu geben, um diese eine Geschichte zu erzählen – ist das das Konzept der Geschichtenplattform Story.One?
Das ist die Grundidee, ja. Nicht jeder hat ein ganzes Buch zu erzählen. Nicht jeder ist Hugo Portisch. Nicht jeder auch hat ein Leben, bei dem du dich fragst, wie man es überhaupt zwischen zwei Buchdeckel kriegen soll. Aber: Der Einzelne hat viel größere Geschichten, als man vermuten würde. Diese Geschichten zu entdecken finde ich unheimlich spannend. „Everybody has one story to tell. Tell yours.“

Es gibt Leute, die erzählen auf Story.One mehrere Geschichten. Nicht jede aber hat die gleiche Qualität. Wie lebt es sich damit?
Wenn wir die Zeit 25 Jahre zurückdrehen, galt im Bereich Video noch die Devise: Ein gutes Video macht nur ein Kameramann, und guten Journalismus machen ausschließlich Journalisten. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das. Aber man muss bei all diesen Dingen aufpassen, über Qualität nicht zu schnell zu urteilen. Wenn man auf unsere Plattform schaut, gibt es dort Profischreiber, teilweise Topautoren, aber eben auch Amateure. Bei der Bewertung durch die Crowd ist dieser Unterschied nicht klar erkennbar.


Wie bei einer Kochsendung? Hobbyköche schlagen mitunter die Profiköche?

Genau. Das ist es, was wir erkennen. Ein Journalist, der Storytelling beherrscht, hat natürlich per se eine ganz andere Qualität. Aber es gibt Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten, dann ist das Storytelling vielleicht gar nicht so im Vordergrund.

Ihr habt die Zeichenanzahl auf Story.One auf 2.500 Zeichen pro Text beschränkt. Ist Selbstbeschränkung ein wesentliches Merkmal jeder guten Geschichte?
Wenn du den Leuten sagen würdest: Erzähle deine Geschichte in fünf oder gar zwanzig Minuten, würden die meisten scheitern. Aber diese 2.500 Zeichen beherrschen die meisten Menschen intuitiv perfekt. In zwei, drei Minuten eine spannende Geschichte zu erzählen – das ist in unserer DNA. Die Geschichte, die man sich am Kaffeehaustisch oder am Lagerfeuer erzählt – das ist der Spannungsbogen, den jeder hinbekommt.

Die einzelnen Geschichten, die ich als Autor auf Story.One stelle, kann ich mir dann als Buch drucken lassen? Gibt es dafür tatsächlich einen Markt?
Die „FAZ“ sprach unlängst von 40 Millionen Manuskripten, die in deutschen Haushalten herumliegen. Es gibt also einen großen Wunsch, Bücher zu veröffentlichen. Ein Buch hat immer noch eine große Aura. Bei aller Online-Seligkeit ist die Sehnsucht nach dem Buch, in dem sich Geschichten manifestieren, ungebrochen.


In der Verlagsbranche sind Eigenverlage immer noch verpönt. Einem Buch, das im Eigenverlag veröffentlicht wurde, haftet ein schaler Geruch an, sein Autor gilt als chronisch erfolglos.

Einerseits gibt es das klassische Verlegertum. Da hat sich in den letzten vierhundert Jahren nicht viel getan. Eine vom Verleger bestimmte Auswahl wird getroffen. Das hat etwas Gutes, aber auch sehr Einschränkendes. Dann gibt es das Selbstpublishing. Da gibt es den von Ihnen beschriebenen, chronisch erfolglosen Zweig. Aber es gibt mittlerweile auch sehr erfolgreiche Selbstpublisher. Oft sind es aber 300 Seiten Anleitung, die man durchlesen muss, bis man weiß, wie man ein Buch drucken lässt und in den Vertrieb bringt, alles sehr kompliziert. Für die Masse ist das uninteressant. Das, was wir hier mit Story.One machen, ist der dritte Weg: Die komplette Öffnung. Jedem, der schreiben und ein Buch publizieren will, machen wir das so einfach wie noch nie.

Gibt es denn keine Beschränkungen?
Nur wenige, alles eigentlich Selbstverständlichkeiten im Umgang miteinander. Wir nennen das „Responsible Content“. Aber grundsätzlich gibt es genauso wenig Beschränkungen, wie auf YouTube ein Video hochzuladen. YouTube sagt: Broadcast yourself. Wir sagen: Publish yourself.

Sie sind selber Story-Junkie, haben u. a. eine Geschichte über Ihren Großvater auf die Plattform gestellt. War die eigene Begeisterung mit ein Grund, das Projekt zu machen?
Unbedingt, ja. Ich habe mir nie vorstellen können, mein eigenes Buch zu machen. Aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass ich noch mehr schreiben und ein Story.One-Buch machen werde.

Die Schwelle, so etwas zu tun, sinkt?
Klar. Mir haben viele Leute geraten, ein Buch zu schreiben. Die Frage, die man sich da zuerst einmal stellt, ist: Bin ich gut genug? Kann ich überhaupt ein Buch schreiben? Und hab ich überhaupt so viel zu erzählen? Da geht es mir wie vielen anderen auch. Aber zehn, zwölf spannende Geschichten habe ich schon zu erzählen. Das geht sich aus. Das glaub ich schon und möchte ich auch machen, für meine Kinder.


Warum?

Weil Schreiben eine unglaublich befriedigende Tätigkeit ist. Inzwischen weiß ich, warum die Menschen so gerne Geschichten schreiben und Bücher publizieren. Weil es eine ganz andere Qualität hat, als kurz etwas zu posten. Es erzeugt Zufriedenheit.

Wie stark ist der soziale Aspekt? Die Geschichten werden ja beschlagwortet. Von der eigenen wird auf ähnliche Geschichten verlinkt. Man vernetzt sich mit anderen Autoren, kann sich gegenseitig feedbacken.
Das ist vielleicht sogar der wichtigste Aspekt. Wir Menschen waren von Anbeginn an in kleinen Gruppen organisiert, saßen am Lagerfeuer und haben uns dort Geschichten erzählt. So haben wir kleine helle Punkte ins Universum geschickt. Kleine helle Punkte des Miteinanders, des Austausches. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten ein digitales Lagerfeuer anzuzünden – das ist eine Idee von uns. Du kannst dir dann überlegen, zu welchem Lagerfeuer du dich dazusetzen willst.

Wie groß schätzen Sie den Markt ein?
Es gibt Millionen Menschen, die ihre Geschichten erzählen wollen. Das wohnt mehr oder weniger jedem Menschen inne, weil es auch sehr stark mit der Frage zusammenhängt, was wirklich zählt im Leben. Für viele ist es die Unterhaltung. Anderen ist der Austausch wichtiger. Wieder anderen geht es um ein Vermächtnis, weil sie sich fragen: Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr bin?

Wie kommen diese Ideen beim Buchhandel an?
Die Buchhändler sind erstaunlich offen. Wir heben die Grenzen auf. Das findet der Buchhandel reizvoll. Wir denken ja nicht an ein Hugo-Portisch-Buch, das sich 100.000 Mal verkauft, sondern wir denken an Autoren, die sich vielleicht 30 Mal verkaufen. Aber es sind Tausende. Mir geht es auch um einen gesellschaftspolitischen Gedanken. Überall ermutigen und ermöglichen wir. Messis Botschaft an alle Kinder der Welt ist: Spielt Fußball! Wäre Messi in der Verlagsbranche, würde er das genaue Gegenteil sagen: Bitte, tut es nicht! Es ist schwierig und mühsam und ob ihr das Talent habt, weiß ich auch nicht. Jemand, der hobbymäßig Fußball spielt, weiß die Leistung eines Messi besser zu würdigen als jemand, der noch nie einen Ball am Fuß hatte. Das Gleiche gilt für Bücher: Wer jemals eine Seite geschrieben hat, weiß die Qualität eines García Márquez noch mehr zu schätzen. Wenn wir uns öffnen, kann das dem gesamten Buchmarkt nur guttun.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Hannes Steiner fing nach dem Studium als Buchhändler an, hat dann den Verlag ecowin ins Leben gerufen und danach für Red Bull Media u. a. den Verlag Benevento aufgebaut. Als Verleger hat er schon Hugo Portisch und den Dalai Lama verlegt. Sein Dilemma als Verleger: „Alle wollen spannende Geschichten. Zugleich kriegst du Tausende Manuskripte, die du nicht publizieren kannst.“ Seine Lösung: Einen Ort zu schaffen, an dem die Leute sich ihre Geschichten erzählen können. www.story.one