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Besser texten ohne Füllwörter?

Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen! Sprach-Blogger schreiben massiv gegen Füllwörter an. Ich erhebe Einspruch!

Spielen Sie mit dem Gedanken, einen Blog zum Thema „Wie schreibe ich richtig, gut und schön“ zu starten? Dann werden Sie früher oder später auch dieses Thema behandeln: Füllwörter. Und wie böse sie sind. Das scheint ein Naturgesetz der sprachkritischen Blogosphäre zu sein. Googelt man nach „Blog“ und „Füllwörter“, kommt man erst darauf, wie viele Internettagebücher und andere Glossen es zum Thema Sprache gibt. Zu den Verfassern von Anti-Füllwörter-Artikeln zählen sogar kirchliche Organisationen oder Steuerberatungskanzleien. Es scheint ein dankbares Thema zu sein.

Giftliste und Giftkommentare
Dankbar kann man auch dafür sein, dass manche Blogs über eine Kommentarfunktion verfügen. Dort kann das gemeine Volk seine Meinung kundtun. Und die geht mit der gebloggten oftmals nicht konform. So stellte eine Bloggerin eine „Giftliste“ an Füllwörtern online, die es unbedingt zu vermeiden gelte: aber, eigentlich, regelrecht, hinlänglich, schließlich, übrigens – und viele (wirklich viele) andere. Das Argument: Diese Wörter sind unnötig und stören nur den Lesefluss. Die Kommentare dazu lauten beispielsweise: „Füllwörter machen Sätze doch erst schön und interessant. Ich weiß gar nicht, wie ich ohne diese ‚bösen’ Füllwörter auskommen soll!“ Manche können sich einen Hauch von Ironie nicht verkneifen: „Diese Liste ist sehr nützlich. Gerade wenn man in Geschichten die Figuren mit Leben füllen will. Mit solchen Füllwörtern kann man Charaktere viel besser herausarbeiten. Danke!“

Füllwörter fürs Verständnis
Wer dagegen Bücher ernst zu nehmender Sprachkritiker liest, der findet ein nuanciertes Urteil. So weist etwa Wolf Schneider darauf hin, dass viele sogenannte Füllwörter einen Gegensatz (aber, dagegen …) oder eine ursächliche Folge (also, dadurch …) kennzeichnen: „Solche Wörter wegzulassen würde oft das Verständnis erschweren.“ Schneider spricht daher nicht von einer „absoluten Notwendigkeit“, sämtliche Füllwörter zu tilgen, sondern von einer „passablen Faustregel“, „möglichst viele“ dieser Wörter zu streichen.

Integration mit Würze
Manche Experten sehen Füllwörter auch als Stilmittel, bezeichnen sie als „Würzwörter“. Der Sprachwissenschaftler Harald Weydt würdigt sie in seinem Buch „Abtönungspartikel. Die deutschen Modalwörter und ihre französischen Entsprechungen“ als „unreflektierte Wörtchen, die dazu dienen, die Stellung des Sprechers zum Gesagten zu kennzeichnen“. Das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache erklärt es so: Wörter wie „ja“, „halt“, „doch“, „denn“, „eben“, „vielleicht“ dienen dazu, Äußerungen in einen größeren Zusammenhang zu integrieren. Mit dem „doch“ in der Aussage „Die Läden sind doch schon geschlossen!“ unterstellt zum Beispiel der Sprecher, dass es allgemein bekannt ist, dass die Läden geschlossen sind. Mit dem „schon“ sagt er, dass sie davor offen waren.

Man soll nix übertreiben
Misstrauen gegenüber einfachen Regeln wie „Ein Text ohne Füllwörter ist besser“ ist also angebracht. Um einen guten Text zu schreiben, reicht es nicht, ein bisschen Theorie zu kennen und ein paar Tipps in einem Blog zu lesen. Dafür braucht es viel Übung und noch mehr Gefühl. In der Sprache gilt nun mal das Gleiche wie im Jazz oder bei gesellschaftlichen Umgangsformen: Man muss den Sinn von Regeln verstehen, um sie brechen zu können. Oder anders formuliert: Man soll nix übertreiben.