„Das passt einfach“

Ihre Kunden sind die Spender, ihre Auftraggeber Menschen in Not, und was auch immer sie erreicht – es ist nie genug. Trotzdem hat Gabriela Sonnleitner als Kommunikationsleiterin der Caritas Österreich eine Art Traumjob gefunden.
Text: Klaus Lerch. Fotos: Franz Pflügl.

„Ich steh auf Jesus.“ Was für ein schöner Sager für die Headline. Und doch so daneben. Weil er, für sich allein, völlig falsche Bilder auftauchen lässt. Denn die Urheberin ist weder eine überdrehte Ordensschwester am Tag ihrer Profess noch ein verzweifelter Religionslehrer, der seine Klasse mit jugendgerechter Sprache aus dem Tiefschlaf reißen will.

„Ich steh auf Jesus.“ Gabriela Sonnleitner, ­Kommunikationschefin der Caritas Österreich, sagt das ganz trocken, ohne Rufzeichen – und schiebt eine unpathetische Begründung nach: „Er war deutlich, klar und provokant.“ So wie die Caritas auch, die in ihrem Einsatz für Menschen in Not keine falschen Rücksichten nimmt. „Spiritualität und Handeln sind bei uns sehr eng verbunden, man redet nicht nur gescheit daher, sondern tut etwas – und das taugt mir, das passt einfach.“

Von naiver Halleluja-Romantik also keine Spur. Schon gar nicht vor sieben Jahren, als sich Gabriela Sonnleitner bei der Caritas bewarb. „Ich wusste schon: NGOs sind mein Ding, und mich hat die Professionalität der Caritas beeindruckt. Im Übrigen war ich höchstens eine Durchschnittskatholikin. Aber ich merkte dann bald, dass der Geist Jesu eine wichtige Rolle spielt. Was unsere Leute zuwege bringen, wäre ohne diese Kraft wohl nicht zu schaffen.“

„Weniger Geld, mehr Herz.“ Auch ein zweites Motiv für das Streben nach dem Caritas-Job darf man getrost ausschließen: Geld. Die 41-Jährige hatte schon in der Privatwirtschaft – z. B. bei Marks & Spencer England – Fuß gefasst und könnte heute sicher deutlich besser verdienen, wäre sie nicht in den Non-Profit-Bereich umgeschwenkt. „Aber dass man mit Herz und mit Spaß an der Arbeit ist, gleicht das mehr als aus. Außerdem: Was ich brauche, kann ich mir schon leisten.“

Und umgekehrt – ist es nicht manchmal ein seltsames Gefühl, wenn man „von der Caritas lebt“, also irgendwie doch Geld verdient im Zusammenhang mit Not und Elend? „Nein, sicher nicht“, kommt es glasklar zurück. „Auf ehrenamtlicher Basis könnte das, was wir tun, sicher nie funktionieren. Es ist völlig legitim, dass wir für professionelle Arbeit auch bezahlt werden.“ Zumal die Caritas mit 7,5 % Verwaltungsspesen auch im Vergleich mit ähnlichen Organisationen außerordentlich effizient arbeitet und die Verwendung der Spendengelder dreifach prüft. Das 10-m2-Büro der Leiterin der Caritas-Kommunikation ist typisch für den Caritas-Umgang mit Ressourcen: Es ist zweckmäßig – nicht mehr, aber auch nicht weniger, als eine vernünftige Arbeit erfordert.

„Schade, dass das nicht alle Spender sehen.“ Geld ist nicht alles, wenn es um die Hilfe geht: „Der wahre Wert der eingesetzten Mittel ergibt sich daraus, was unsere Mitarbeiter und Partner vor Ort damit auf den Weg bringen – und das ist oft unglaublich“, berichtet Sonnleitner von ihren Besuchen bei ­Caritas-Projekten im In- und Ausland. Ihre Augen beginnen zu leuchten. „Schade, dass nicht alle Spender persönlich erleben können, wie viel ihr Geld in den einzelnen Projekten bewirkt. Hier kann man sehen: Glaube versetzt wirklich Berge.“ Stellvertretend für die vielen Spender nimmt Sonnleitner regelmäßg Journalisten mit auf die Reise. „Wenn die dann zu mir sagen: ,Ihr habt einfach die besten Leute, wie macht ihr das nur?‘, dann bin ich richtig stolz.“

„Ein tolles Team ist Lebensqualität.“ Stolz ist Gabriela Sonnleitner auch auf ihre unmittelbaren MitarbeiterInnen. Das Kommunikationsteam der Caritas Österreich besteht aus 6 Angestellten, dazu kommen noch zwei Praktikantinnen. Nicht gerade viel für eine Organisation, die österreichweit die kommunikatorische Koordination für rund 10.000 hauptberufliche MitarbeiterInnen und 28.000 ehrenamtlich Engagierte umfasst. Von der klassischen Pressearbeit über die Herausgabe eigener Zeitschriften bis hin zu Fundraising und Beschwerdemanagement reicht das Aufgabengebiet. „Diese Vielfalt ist es aber auch, die meine Arbeit schön macht“, sagt Sonnleitner. „Dazu kommt, dass wir uns im Team sehr gut verstehen. Schon allein deshalb gehe ich morgens gern ins Büro – auch das ist Lebensqualität.“

„Personal ist ein großer Brocken.“ Gute Leute zu finden, die nicht nur fachlich, sondern auch persönlich zur Caritas passen, sieht Gabriela Sonnleitner als einen der „gro­ßen Brocken“ ihrer Arbeit. „In diesem Bereich habe ich in den letzten Jahren viel gelernt.“ Für BewerberInnen hat die Caritas zwar keine Topgehälter, aber durchaus andere Vorteile zu bieten: „Bei uns wird – wie in guten Wirtschafts­unternehmen auch – Arbeitsleistung geschätzt und Talent gefördert.“ Ob das teamorientierte, offene Klima in der Caritas ein Einzelfall im kirchlichen Bereich ist? „Das kann ich nicht beurteilen, schließlich habe ich noch in keiner anderen kirchlichen Organisation gearbeitet“, lächelt die Kärtnerin.

„... und keiner schaut hin.“ Trotz der vielen positiven Seiten ist auch Sonnleitners Job nicht völlig frustlos: „Am meisten ärgert es mich, wenn wir uns irrsinnig anstrengen, die Leute auf eine Katastrophe wie z. B. den Wirbelsturm in Bangladesch aufmerksam zu machen, und keiner schaut hin.“ Woran das liegt? „Es kommt ganz darauf an, dass die Medien bei einem Thema richtig mitziehen. Und ob das passiert, ist von vielen Faktoren abhängig, z. B. was sonst noch gerade so passiert in der Welt.“

Dass die Gelder, die Caritas bewegt, in vielen Vergleichen – etwa mit Kosten für Straßenbau – lächerlich gering aussehen, frustriert Sonnleitner hingegen selten. „Ein Tropfen auf den heißen Stein? Nein, dieses Gefühl habe ich nie gehabt“, wehrt sich die Kommunikations­chefin energisch. „Natürlich kann man sagen: es ist immer zu wenig. Aber es geht immer um einzelne Menschen, und für die ist unsere Hilfe entscheidend.“ Auch das Argument vieler Nichtspender: „Was helfen schon die 10 oder 20 Euro?“ lässt sie nicht gelten. „Es ist wie in einem Chor“, vergleicht die Hobbysängerin, „die einzelne Stimme nimmt man nicht wahr – und doch fehlt sie, wenn sie ausfällt.“

„Es gibt Grenzen.“ Damit die Hilfe nicht versiegt, zapfen Gabriela Sonnleitner und ihr Team unermüdlich verschiedenste Quellen an, etwa durch Kampagnen, Sponsoringprojekte, Mailings und nicht zuletzt durch Zeitschriften wie die „Spenderinformation“. Die Gestaltung dieses zweimonatlich erscheinenden Magazins ist eine Gratwanderung. „Wir müssen die Leser aufrütteln und betroffen machen, und daher zeigen wir viele Gesichter, auch von notleidenden Menschen“, erklärt Sonnleitner. „Aber es gibt Grenzen. Reine Schockfotos oder Bilder, die die Menschenwürde verletzen – z. B. ein totes Kind – würden wir auch dann nie zeigen, wenn wir damit mehr Spenden generieren könnten.“ Der Ertrag ist von Ausgabe zu Ausgabe durchaus schwankend: „Der Spenden­ertrag einer Zeitschrift kann um bis zu 50 % schwanken, und natürlich versuchen wir zu analysieren, was funktioniert und was nicht. Manchmal finden wir die Ursachen, manchmal nicht. Ein sicheres Rezept gibt es nicht, da ist noch immer viel Gefühl dabei.“ Eine große Rolle spielt jedenfalls auch das Design: Ein Relaunch vor einigen Jahren konnte einen Abwärtstrend im Spendenaufkommen umkehren.
Printmedien sieht Gabriela Sonnleitner nach wie vor als zentrales Kommunikationsinstrument der Caritas. „Online gewinnt an Bedeutung, aber es ist noch lange kein Ersatz für ­Zeitschriften oder Mailings.“ Bei den Lieferanten im Kreativbereich, z. B. der Zeitschriftenagentur, schätzt die Kommunikationschefin neben der als selbstverständlich vorausgesetzten Professionalität auch das emotionale Engagement. „Man muss schon spüren, dass es den Partnern nicht egal ist, was wir machen. Das Herz muss dabei sein, und auch immer wieder ein kritisches Hinterfragen der gemeinsamen Arbeit.“

Langjährige Partnerschaften sind Sonnleitner wichtiger als häufige Agenturwechsel. „Es gibt sicher Hochs und Tiefs – wie in jeder Beziehung. Aber langfristig ist man besser dran, wenn man die wachsende Erfahrung des Partners nutzt und gemeinsam an Innovationen arbeitet. Da muss natürlich auch aktiv von der Agentur immer wieder Neues kommen, man muss sich gegenseitig zu Höchstleistungen aufschaukeln.“ Und noch etwas ist wichtig: Geschwindigkeit und Flexibilität. „Wenn es am Freitag ein Erdbeben gibt, können wir nicht bis zum Montag warten.“
„Treue ist, wenn sie gar nicht auffällt.“ So ist es kein Zufall, dass auch die Partnerschaft zwischen der Caritas und Egger & Lerch schon sehr lange dauert. Die gegenseitige Treue währt – von einer kurzen Auszeit abgesehen – schon seit Gründung der Agentur im Jahr 1989. „Treue ist, wenn sie einem gar nicht auffällt“, meint Gabriela Sonnleitner zu diesem Thema. Ihre persönliche Treue zur Caritas ist auch so ein Fall: „Als ich hier anfing, dachte ich mir: So um die fünf Jahre. Nun sind es schon mir nichts dir nichts sieben – und ich denke derzeit sicher nicht ans Wechseln.“ Langfristige Perspektiven? „Ja, das ist schon eine Frage – aber ich habe noch keine Ant­worten.“

„Viele Menschen würden nicht überleben“. Einen wichtigeren Job zu finden, könnte sich in der Tat als schwierig erweisen. „Viele Leute würden ohne unsere Hilfe nicht überleben. Was wir tun, hat einen sehr unmittelbaren Wirkungsgrad.“ Und quasi als Nebeneffekt hilft die Konfrontation mit existenzieller Not auch, das eigene Leben gelassener zu sehen. „Als ich vor einiger Zeit aus dem Krisengebiet in Afghanistan zurückgekommen bin, habe ich nur noch gestaunt, wie sich die Leute hier über die Farbe ihrer Nikoläuse den Kopf zerbrechen. Da habe ich realisiert: Meine Arbeit hilft mir zu sehen, was wirklich wichtig ist – und das ist ein großes Geschenk.“

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