Die Kunst des Kürzens: So straffen Sie Ihre Texte

Da haben Sie also stundenlang über dem Text für Ihre Kunden- oder Mitarbeiterzeitschrift gebrütet, und nun will der Grafiker partout das Bild nicht verkleinern, um alle 4.250 Anschläge unterzubringen? Recht hat er, der Gestalter! Nichts ist schlimmer, als Texte auf eine Seite zu quetschen – denn das hat meist nur zur Folge, dass die Bleiwüste dann überhaupt ignoriert wird. Also lieber gleich kürzer schreiben – oder die Kunst des Kürzens üben!

friseur:

Manche Texte werden erst richtig gut, wenn sie einmal rigoros gekürzt worden sind – selbst Schreibprofis schreiben oft frisch drauflos und „dicken“ den Text erst später auf die gewünschte Länge ein. Rationeller ist es natürlich, gleich nach Maß zu schreiben:

Zeichenzahl vereinbaren. Am besten ist es, wenn Chefredakteur, Grafiker und Autor von vornherein fixe Textlängen vereinbaren – dann sparen Sie sich die Mühe des Umschreibens überhaupt. Denn für manche Zeitschriften wird das Layout schon vor dem Text fixiert – dann kann Ihnen der Grafiker die genaue Zeichenzahl nennen, die er braucht, um die Seite(n) zu füllen. Oft gibt es auch ein Gestaltungshandbuch mit Musterartikeln und den dazugehörigen Zeichenzahlen, z. B. 2.000 Zeichen für eine Seite mit einem großen Foto.

Lieber zu kurz als zu lang. Wenn es solche Vereinbarungen oder Vorlagen nicht gibt, gilt schon beim Schreiben die Regel: Lieber zu kurz als zu lang. Erstens werden kurze, knackige Texte schlicht und einfach eher gelesen als seitenlange Abhandlungen. Und zweitens ist noch höchst selten eine Seite schlecht gestaltet worden, weil zu wenig Text da war – jeder Gestalter freut sich über unverhofften Gestaltungsspielraum.

Den Aufwand fürs Komprimieren können Sie auch in Grenzen halten, wenn Sie eine der wichtigsten journalistischen Grundregeln beachten:

Abfallend schreiben. Für sachliche Nachrichten und Berichte gilt „Das Wichtigste zuerst“, d. h. Sie schreiben keinesfalls chronologisch, sondern stellen die – für die Leser! – interessantesten Tatsachen an die Spitze (mehr dazu hier...) Dann fällt das Kürzen ganz leicht – einfach unten abschneiden.

Wenn all diese vorbeugenden Maßnahmen nichts gefruchtet haben, geht’s ans aufwändigere Redigieren:

Das Wesentliche betonen. Bevor es nun ans tatsächliche Kürzen geht, lesen Sie am besten den ganzen Artikel nochmals in Ruhe durch und fragen sich: „Was soll wirklich beim Leser hängen bleiben?“ Alle Absätze, die keine Antwort auf diese Frage sind, stehen nun auf Ihrer Abschussliste. Wiederholungen sowieso.

Kürze mit Würze. Streichen Sie, wenn möglich, ganze Abschnitte, die nicht zum Kernthema gehören, und versuchen Sie nicht, krampfhaft jeden Aspekt des Artikels zu retten. So ist es z. B. besser, in einem Promotion-Artikel weniger wichtige Produkte komplett auszulassen und dafür den profitabelsten Bestseller umso mehr wirken zu lassen. Details und Zitate, die den Artikel lebendig machen, sollten der Kürzungsschere nur in Notfällen zum Opfer fallen. Allgemeine Einleitungen streichen. Dass „in der heutigen Zeit alles einem ständigen Wandel unterliegt“, wissen Ihre Leser ohnehin schon. Verzichten Sie auf derartige allgemeine Einleitungen komplett und kommen Sie sofort zur Sache.

Schlussformeln streichen. Auch brave Schlusssätze, die einen Artikel „abrunden“ sollen, sind meist überflüssig: „Die Teilnehmer freuen sich schon auf die nächstjährige Veranstaltung.“ Schön, aber relativ unwichtig.

Füllwörter löschen und Sätze vereinfachen. Wenn Sie mit dem absatzweisen Streichen nicht weiterkommen, müssen Sie Wort für Wort auf den Prüfstand stellen. Füllwörter wie „dann“, „hinlänglich“, „wohlgemerkt“ oder gar „nichtsdestoweniger“ haben in einem guten Text ohnehin nichts verloren, ebenso wie komplizierte Passivkonstruktionen oder Substantiv-Feuerwerke à la „die Rede zur Begrüßung der Aktionärsversammlung der XY AG wurde von Dr. Z. zum Vortrag gebracht“. „Dr. Z. begrüßte die Aktionäre“ würde reichen – aber Moment: ist die Begrüßung überhaupt wichtig …? Selbst einzelne Wörter lassen sich kürzen: „Leser“ statt „Leserschaft“, „PC“ statt „Computer“.

Bildtexte nutzen. Detailinfos, die sich gut mit Bildern verbinden lassen – z. B. die Namen von Festgästen –, können Sie vielleicht platzsparend in der Bildunterschrift unterbringen – sie müssen im Haupttext nicht nochmals vorkommen.

Fakten bündeln. Viele Infos lassen sich stichwortartig in Factboxen, Listen oder Tabellen zusammenfassen, z. B. Produktfeatures und -vorteile oder Adressen. Aufs Web verweisen. Wenn Ihre Leser größtenteils das Internet benutzen und ausführlichere Infos oder Quellen im Web verfügbar sind, können Sie natürlich darauf verweisen – aber nicht allgemein, sondern mit einem gezielten Link (wie z. B. oben beim Punkt „Abfallend schreiben“).

Grafiken & Charts verwenden. Zahlenreihen in Texte umzusetzen ist undankbare Schwerarbeit. Mit einer grafischen Darstellung geht es meist einfacher, leserfreundlicher und platzsparender.

Fortsetzung folgt. In ganz krassen Fällen – und wenn Ihr Medium regelmäßig erscheint – können Sie lange Artikel auch auf mehrere Ausgaben verteilen und so vielleicht sogar eine Mini-Serie starten.

Und noch ein Tipp zum Schluss: Kollegen kürzen lassen. Die eigenen Texte zu kürzen, ist oft schwierig, weil die nötige Distanz fehlt. Ein Kollege sieht den Wald vor lauter Bäumen eher – und holzt wahrscheinlich emotionsloser einige unnötige Gewächse ab. Auch wenn Ihnen das als Autor weh tut – die Leser werden es zu schätzen wissen, und der Grafiker natürlich auch.

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