Frutiger neu entdecken
Der Schweizer Adrian Frutiger (80) ist neben dem Deutschen Hermann Zapf (90) der letzte lebende Typograf, der mit seinen Schriften die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat. Sein Gesamtwerk liegt nun in Buchform dokumentiert vor: eine Fundgrube für Gestalter, ein spannendes Stück Zeitgeschichte. Text: Christian Gutschi
Seine Schriften finden sich auf unzähligen PCs: „Univers“ und „Frutiger“ zählen zu den weltweit meistverwendeten Fonts. Nie sind sie aus der Mode geraten, gerade weil sie sich oberflächlichen Trends entziehen. Die Lettern des nunmehr 80-jährigen Schriftkünstlers verhelfen nahezu jedem Inhalt zu einem passenden Ausdruck: von einfachen Werbefoldern über Zeitungen, Zeitschriften, Plakate, Logos bis hin zur Beschriftung im öffentlichen Raum.
Zeitlose Schriftschöpfungen
Was aber machen gerade die Schriften von Frutiger so einzigartig? Das Geheimnis der Beliebtheit seiner Schriftformen liegt primär in der konsequenten Erweiterung seines Erfahrungsschatzes. Er entwickelte seine Schriften in enger Verbindung mit allen satztechnischen Erneuerungen – vom Fotosatz über computerlesbare Schriften bis zu digitalen Fonts. Und zudem sind Leserlichkeit, der effiziente Transport von Inhalten wie auch die ästhetische Schönheit des Schriftbilds für alle seine Schriftschöpfungen das höchste Gebot. So weisen die Werksatzschriften von Frutiger immer wiederkehrende, charakteristische Merkmale auf. Das Schriftbild ist geprägt durch eine besondere Ausgewogenheit und Gleichmäßigkeit. Dazu sagt Frutiger: „Man könnte das einen persönlichen Stil, eine Form-Konvention nennen […] ein Mix aus meiner Persönlichkeit und meinen beiden Lehrern (Walter Käch, Alfred Willimann) […] der dem Germanischen mit dem Lateinischen zusammen eine Mischung und einen ganz persönlichen Ausdruck gegeben hat.“ Und genau dieser persönliche Ausdruck, der in jeder seiner Schriften sichtbar und spürbar wird, macht die Beliebtheit seiner Fonts aus. Auf diese Weise werden sie zu einem unverzichtbaren Gestaltungsmittel
für professionelle Layouter wie für Normalverbraucher, die ihren gedruckten Botschaften einen besonderen und passenden schriftlichen Ausdruck verleihen möchten.
Meilensteine der Formensprache
Frutiger hatte das Glück, für Charles Peignot, Geschäftsmann und visionärer Schriftgießer im Paris der 1950er-Jahre, arbeiten zu dürfen. So konnte Frutiger seine Idee durchsetzen, der damals überall verwendeten Futura eine seiner Ansicht nach „zeitgemäße“ Schrift entgegenzusetzen. Frutiger: „Unser Auge sieht horizontale Striche dicker als vertikale, daher ist eine rein geometrische Schrift (wie die Futura) auf Dauer nicht haltbar.“ Das Projekt „Univers“ hätte bei einem Misserfolg die Firma in den Ruin gestürzt. Für die 21 Schnitte der Univers mussten über 35.000 Stempel in höchster Präzision angefertigt werden, zu den damaligen Bleisatzzeiten eine wahnwitzige Idee für eine Schrift, von der man nicht wusste, wie sie sich verkaufen würde. Die Univers war somit die erste Universalschrift mit so vielen Schriftschnitten, dass sie für Anwendungen aller Art zum Einsatz gelangen konnte. Frutiger selbst sagte, er wollte eine Schrift machen, die gut lesbar ist und in PR- und Werbekampagnen „knallt“.
Schriften auf Bestellung
Heute gipfelt diese Entwicklung darin, dass viele Schriften speziell für Corporate-Design-Zwecke gestaltet und mit einer Fülle von Schnitten ausgestattet werden. So etwa die Linotype „Compatil“ oder die „Thesis“ mit über 140 Varianten. Im Gegensatz zu Frutigers klar nachvollziehbarem ästhetischen Konzept einer gut ausgebauten Schrift für unterschiedlichste Zwecke lösen sich heutige Schriftschöpfungen aufgrund der Vielzahl ihrer Schnitte oft in optischer Beliebigkeit auf und bieten dem Gestalter weniger Orientierung denn mehr Verwirrung. Bei der Univers hat Frutiger mit absoluter Präzision von der dünnsten bis zur dicksten Version alle Proportionsveränderungen der Buchstaben aus dem Bauch heraus per Hand gezeichnet. Heute hat jeder Schriftgestalter die Möglichkeit, seine Schnittte per Mausklick zu skalieren und dann verfeinernd nachzubearbeiten.

Das zweite Denkmal
Mit der „Frutiger“ setzte sich der Schweizer ein weiteres Denkmal seines Namens, das bleibt. Ursprünglich als Beschriftung für den 1974 eröffneten Pariser Flughafen „Charles de Gaulle“ geschaffen, trat diese Schrift einen weltweiten Siegeszug an, vor allem im digitalen Zeitalter der 1990er-Jahre. Von der Frutiger gibt es zudem eine cyrillische wie eine arabische Version. Was diese Schrift so besonders macht, ist ihre Überzeugungskraft durch ein offenes, kräftiges Schriftbild, das in allen Schriftgrößen seinen typischen Charakter wie seine Leserlichkeit behält. Frutiger darüber: „Meine Zeit ist vorbei, aber die Frutiger steht in der Mitte der Schriftenlandschaft. Es ist wie ein Nagel, der eingeschlagen wird, an dem man alles anbinden kann […] und eine Schrift, die singt.“
Geheimtipps zu entdecken
Erstmals wird durch das Buch „Frutigers Schriften. Das Gesamtwerk“ deutlich, welche nahezu unentdeckten Schätze im ÂÅ’uvre des Meisters schlummern. So etwa die „Vectora“ (eine der Headlineschriften in periodicum), eine klare Kampfansage an alle glatten und charakterlosen Groteskschriften, erschienen 1991. Diese Schrift besticht durch besonders offene und hohe Kleinbuchstaben und steht in der Tradition der amerikanischen „Franklin Gothic“. Frutiger zeigt sich enttäuscht, dass die Vectora bislang wenig verwendet wurde.
Ein anderes Beispiel: die „Nami“, eine charaktervolle Schrift mit der Anmutung einer Steininschrift, die erst 2007 auf den Markt kam, aber auf bis dahin nicht realisierten Zeichnungen Frutigers aus den frühen Pariser Jahren basiert.
Oder die Schreibschrift „Ondine“, eine der ersten Entwürfe Frutigers. Obwohl er zugibt, mit diesem Entwurf eigentlich nie wirklich glücklich gewesen zu sein, kann diese Schrift als ernsthafte Alternative zu bewährten, aber übermäßig eingesetzten Schreibschriften gesehen werden.
Und schließlich erschien im Frühjahr 2008 die „Frutiger Serif“, eine in jahrelanger Kleinarbeit überarbeitete Version des Klassikers „Meridien“, deren Formen für den digitalen Satz mit dem PC optimiert wurde. Gemeinsam mit der serifenlosen Frutiger steht dem Gestalter somit eine enorme Vielseitigkeit an Schriftschnitten mit in sich stimmiger Anmutung zur Verfügung.
Der Meister selbst gibt sich bescheiden, was die Bedeutung der von ihm geschaffenen Buchstaben angeht: „Wenn ich auf einem weißen Blatt die Feder ansetze, so gebe ich nicht Schwarz hinzu, sondern nehme dem weißen Blatt Licht weg […] so verstand ich, dass das Wichtigste an der Schrift die Zwischenräume sind.“

