Und jetzt etwas Lustiges!

Unter Zeitdruck witzige Texte produzieren: Das kann ein
echt harter Job sein. periodicum zeigt verschiedene Wege zur Pointe – und verrät, was
man tun kann, wenn trotzdem nichts geht.

Text: Wolfgang Knabl

Gutes Timing ist für Humoristen doppelt wichtig. Gefragt ist nicht nur das Gespür für die richtige Platzierung der Pointe, sondern auch Pünktlichkeit bei der Abgabe des Werks. Ferdinand Rieder liefert jeden Montag ein Kuvert bei der Agentur von Alfred Dorfer ab. Darin befinden sich Gags für dieFernsehsendung „Dorfers Donnerstalk“. Rieder, 61, ist seit 30 Jahren professioneller Gagwriter.

 

Zack, die Pointe ist da
„In diesen 30 Jahren ist keine Woche vergangen, in der nicht ein Gag von mir im Fernsehen, im Radio oder in der Zeitung veröffentlicht worden ist“, erzählt Rieder. Für die „Columbus“-Cartoons – jahrelang humoris­tisches Aushängeschild der „Kronen Zeitung“ – konnte er „auf Vorrat“ arbeiten. Bei anderen Produktionen war eine Komponente mit im Spiel, die beflügelnd oder hemmend wirken kann: extremer Zeitdruck. „Mit Matt Schuh auf Ö3 war es besonders arg. Der hat immens viele Gags gebraucht, und das meist ziemlich schnell“, sagt Rieder. „Kaum ist etwas passiert, kam schon der Anruf, dass sie etwas Lustiges dazu wollen.“ Oft habe er die Gags und Sketches an Ö3 gefaxt, während Schuh schon on air war. „Zeitdruck kann zu guten Ergebnissen führen oder blockieren“, weiß Rieder, der bei der Suche nach den Pointen auf bewusste Strategien verzichtet und ganz auf intensives Nachdenken setzt. „Irgendwann macht’s dann meistens Zack, und die Pointe ist da. Das geht manchmal schnell und einfach. Manchmal geht es unheimlich zäh. Und manchmal geht es gar nicht.“

Humorproduktion nach Zeitplan
Für Mag. Kerstin Scheiblehner, Leiterin der Linzer Kommunikationsagentur „ImPressRoom“ und Trainerin für journalistisches Schreiben beim bfi Wien, basiert die erfolgreiche Kreation von humoristischen Texten auf dem Einhalten von journalis­tischen Grundregeln. „Kurze Sätze, Aktiv statt Passiv, Worte zum Anfassen“, nennt Scheiblehner einige Beispiele. Diese Regeln zu beherrschen und durch Übung zu automatisieren, sei für das Verfassen humoristischer Texte Grundvoraussetzung. Die Kommunikationsexpertin empfiehlt, bei humoristischen Slogans fallweise „im Jargon“ zu schreiben („Schneeketten aus der Dose: Damit Sie nicht durchdrehen, wenn es Ihre Räder tun“) oder bei Titeln Wortspiele zu verwenden („Der Euro wird immer dollar“).
Geübte und stilsichere Texter leiden auch bei „witzigen Aufgaben“ kaum unter Schreibblockaden, ist Scheiblehner überzeugt. „Der Zeitdruck wird zur willkommenen Herausforderung.“ An Schreibblockaden glaubt auch Stefan Vögel nicht. „Wenn man einen realistischen Zeitplan hat und nach Stunden werkelt, dann passiert das nicht, dass einem nichts einfällt“, so der Autor, Schauspieler und Kabarettist, der zusammen mit Egger & Lerch-­Geschäftsführer Klaus Lerch das satirische Buch „Grüß Gott in Voradelberg“ geschrieben hat. Viele Leute würden an das Klischee glauben, dass Autoren nur schreiben, wenn sie die Muse küsst, meint Vögel. Dabei stecke in der Regel viel Arbeit und professionelles Handwerk dahinter, wenn etwas auf die Rezipienten besonders locker wirkt. „Manchmal schreibt man mehrere Versionen, die alle nicht das Wahre sind – und plötzlich macht es Klick, und man weiß, dass man auf dem richtigen Weg ist“, so Vögel. Nur selten komme es vor, „dass es anfängt zu fließen, ohne dass man etwas dafür tut.“

Die Illusion der Leichtigkeit
„Gut schreiben heißt: Lang nachdenken, kurz schreiben, sofort verstanden werden“, meint Sabine Pöhacker, Inhaberin der Kommunikationsagentur comm:unications und Lehrgangsleiterin der bfi Wien Akademie für Integrierte Kommunikation. Wie viel Zeit, Kreativität und mitunter auch Nervenkraft in die Produktion von witzigen Texten oder humorvolle, originelle Slogans investiert werden muss, wird wohl von den meisten Rezipienten unterschätzt. Und das ist auch gut so: Die Wirkung des Humors in den Medien und in der Werbung wird von einer Aura der Leichtigkeit und der Lockerheit getragen. Ohne diese Illusion würde vielen Rezipienten wohl die Lust am Lachen vergehen.

Nur nicht versteifen
Lustig sein, das ist also mitunter ein ziemlicher Knochenjob. In der Werbebranche ringen ganze Kreativ-Teams oft tagelang um eine Lösung. „Wer sich jedoch zu sehr darauf versteift, in kurzer Zeit einen Brüller zu produzieren, bei dem sich alle am Boden zerkugeln, wird unlocker. Und dann kommt etwas Halbwitziges heraus“, weiß Sandra Pirker, Texterin bei der Werbeagentur „Wien Nord“. Wenn Pirker bei der Aufgabe, einen lustigen Slogan zu kreieren, in einer kreativen Sackgasse gelandet ist, verlässt sie das Büro und geht auf die Straße. „Ich lasse meine Gedanken schweifen, ganz unabhängig davon, was ich eigentlich machen sollte. Meistens trifft einen dann die Idee.“
Wobei gerade bei Humor immer ein „Restrisiko“ bleibt: das der unterschiedlichen Geschmäcker. „Du kannst einen Spot schreiben, über den du selber dich zerkugelst“, so Pirker. „Aber wenn der Auftraggeber oder die Zielgruppe einen anderen Sinn für Humor hat, wird trotzdem nichts daraus.“

33 Wege zum Humor
„Wichtig bei der Produktion von Humor unter Zeitdruck ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren“, meint Dr. Michael Titze, Psychologe und Vorsitzender der HumorCare Deutschland. Es gelte, aus allen Ideen „das Wenige herauszufiltern, dass dann in einer bestimmten Situation, in einem bestimmten Kontext unerwartet kommt und daher witzig ist.“ Grundsätzlich könne eine solche Aufgabe von den meisten Menschen gemeistert werden.
Dieser Meinung ist auch der Kabarettist und Humor-Consultant Jürgen Vogl. Er veranstaltet unter dem Titel „Mein Humorpotenzial und ich. Eine Entdeckungsreise zur eigenen Komik“ Seminare und Workshops. Zielgruppe: Alle, die Inhalte vermitteln und dabei ihr Publikum gut unterhalten, ja sogar zum Lachen bringen wollen. Mit dem richtigen Know-how sei die Produktion von humorvollen Reden oder Texten, ja sogar das „Lustig sein auf Knopfdruck“, nicht besonders schwierig, meint Vogl. Bei seinen Seminaren und Workshops sei es immer wieder erstaunlich, zu erleben, wie viel Humorpotenzial in den Menschen steckt. „Man muss ihnen nur den Weg zeigen und ein paar Regeln mitgeben.“ Vogl hat sich intensiv mit der Theorie des Humors auseinandergesetzt und den Leitfaden „33 Wege zum Humor“ entwickelt (siehe Kasten „Wege zum Humor“). „Damit kann man auch unter Zeitdruck Lustiges schreiben“, meint Vogl. „Den kreativen Funken muss man aber auch mit dem besten theoretischen Regelwerk selber zünden.“

Sieben Kilometer zur Satire
Für den Kurier-Kolumnisten Guido Tartarotti ist der Weg zum witzigen Text meis­tens sechs oder sieben Kilometer lang: „Ich laufe jeden Tag eine Stunde, und dabei fallen mir fast alle Ideen ein. Nach dem Laufen muss ich das Ganze nur mehr aufschreiben.“ Tartarotti zählt zu den beliebtesten „Edelfedern“ Österreichs, mit dem Lese-Kabarett „ÜberLeben – Escape from Meerschweinchenkäfig“ bringt er seine besten Kolumnen auch auf die Bühne. Die titelgebende Flucht bezieht sich auf das traurige Schicksal, welches Zeitungen am Tag nach ihrem Erscheinen droht, falls ihre Leser über ein Haustier und einen Hang zur Zweckentfremdung verfügen.

Die zweitwitzigste Lösung
Die hohe Kunst, unter dem bei Tageszeitungen üblichen Zeitdruck zeitlos gute humoristische Texte zu verfassen, die sogar auf der Bühne funktionieren, beherrschen nur ganz wenige Schreiber. „Zeitdruck ist für mich etwas Angenehmes, ich brauche Zeitdruck, um arbeiten zu können“, sagt Tartarotti und bestätigt, dass es gute Regeln für das Schreiben witziger Texte gibt. Nur: Er habe sie nie gelernt. „Bei mir passiert das alles intuitiv, mein Kopf wirft ständig seltsame Gedanken, Assoziationen und Pointen aus.“ Und wenn trotzdem einmal nichts geht? „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man eine Blockade umgehen kann“, meint Tartarotti. Sich aus der Situation rausnehmen, weg vom Computer, ein kurzes Telefonat führen, einmal um den Häuserblock gehen. „Und wenn einem die witzigste Lösung nicht einfällt, dann muss man die zweitwitzigste verwenden. Das gehört auch zum Geschäft.“

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