Besser schreiben (2): Das Wichtigste zuerst
Wenn es um Meldungen und Berichte geht (im Gegensatz zu anderen Stilformen wie etwa Reportagen oder Interviews), gibt es eine unumstöĂliche Regel: Das Wichtigste zuerst. Und zwar wirklich zuerst, also im ersten Satz.
Vergessen Sie also alles, was Sie im Deutschunterricht ĂŒber den Aufbau von AufsĂ€tzen gehört haben, wie etwa âEinleitung, Haupttteil, Schlussâ, und vergessen Sie auf jeden Fall die chronologische Reihenfolge der Ereignisse. Nicht das zeitlich erste, sondern das wichtigste Faktum gehört an die Spitze eines Artikels. Und dann geht es nach dem gleichen Grundsatz weiter: Je wichtiger, desto weiter vorne steht ein Absatz innerhalb eines Artikels. Diese Schreibweise nennt man auch âabfallendâ, was nichts mit MĂŒll zu tun hat, sondern damit, dass der Informationsgehalt und die Wichtigkeit zum Schluss eines Aritkels hin immer mehr abfallen.
Grafisch dargestellt, sieht ein Artikel aus wie ein Trichter: Wo er breit ist (oben), steht das Wichtigste, und nach unten hin wird er immer dĂŒnner. Mit dieser Schreibweise tut man sowohl dem Leser als auch sich selbst einen Gefallen. Der Leser erfĂ€hrt schon zu Beginn die wichtigsten Dinge und muss sich nicht durch den ganzen Artikel kĂ€mpfen, bis es interessant wird. Er kann jederzeit aussteigen, ohne das Wichtigste zu versĂ€umen. In einer guten Zeitung kann sich der Leser z. B. durch das Ăberfliegen der Titel und der VorspĂ€nne (siehe unten) einen sehr guten Ăberblick ĂŒber das Geschehen des Tages verschaffen. Stellen Sie sich vor, die wichtigsten Fakten wĂ€ren in der Mitte oder am Schluss eines Artikels versteckt ...
Nur so kommt Ihre Message an
Als Schreiber eines Mediums hilft Ihnen die abfallende Schreibweise, weil Sie die âMessageâ Ihres Artikels bei möglichst vielen Lesern unterbringen. Denn schon nach wenigen Zeilen verlieren Sie bei jedem Artikel die ersten Leser. Bei schlechten mehr, bei guten weniger. Je mehr sie sich an die Trichter-Form halten, desto weniger Leser steigen aus, und jene, die es trotzdem tun, haben wenigstens das Wichtigste mitbekommen. Der zweite Vorteil ist ein banaler: Bei Platzproblemen können abfallend geschriebene Artikel problemlos gekĂŒrzt werden, ohne dass der Sinn verloren geht.
Und noch etwas: Verwechseln Sie einen Bericht nicht mit einem Krimi, bei dem die Spannung bis zum Schluss aufrecht erhalten werden muss. Auch wenn die âBombeâ, z. B. der RĂŒcktritt des GeschĂ€ftsfĂŒhrers, erst am Schluss einer AktionĂ€rsversammlng geplatzt ist, gehört diese Tatsache an die Spitze einer Meldung. Erst dann beschreiben Sie, wie es dazu gekommen ist. Denn so spannend die Sitzung auch verlaufen sein mag - wenn Sie einfach chronologisch darĂŒber berichten, blĂ€ttern die Leser schon nach wenigen Zeilen weiter und werden nie erfahren, was wirklich passiert ist.
Konkret sieht das dann so aus:
âXY-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Max Mustermann hat gestern ĂŒberraschend seinen RĂŒcktritt bekanntgegeben. Zahlreiche AktionĂ€re hatten Mustermann wĂ€hrend einer turbulenten Versammlung vorgeworfen, das Unternehmen an den Rand des Ruins getrieben zu haben ... (Und erst jetzt kommt die detailiertere Beschreibung, wie es zu diesem RĂŒcktritt gekommen ist).
Und nicht etwa:
Gestern fand im Mehrzwecksaal der XY AG die 24. jĂ€hrliche AktionĂ€rsversammlung statt. Zu Beginn verlief die Sitzung noch recht ruhig, doch dann ... (es folgt eine Chronologie der Ereignisse, Reden, Argumente, und nach etlichen AbsĂ€tzen dann:) SchlieĂlich gab Mustermann seine Rechtfertigungsversuche auf und erklĂ€rte seinen RĂŒcktritt.
Vom Titel, der in diesem Beispiel noch fehlt, einmal abgesehen: Glauben Sie wirklich, dass im zweiten Beispiel auch nur jeder zweite Leser nach dem ersten Satz noch weitergelesen hÀtte?

