Besser schreiben (1): Der Köder muss dem Fisch schmecken...

...und nicht dem Fischer. Das ist eine der wichtigsten Regeln für das Schreiben von Artikeln.

Wenn Sie für ein Medium schreiben, dann tun Sie das nicht für sich selbst, sondern für die Leser. Zeitschriftenartikel sind keine wissenschaflichen Arbeiten, keine Romane und schon gar keine Schulaufsätze. Es geht also nicht darum, Ihre eigene Bildung, Ihre Fremdwortkenntnisse oder Ihren Humor zur Schau stellen, sondern darum, Ihre Leser zu informieren, zu unterhalten oder in anderer Form zu fesseln.

Fragen Sie sich daher ganz nüchtern: Was erwarten die Leser von diesem Artikel, dieser Zeitschrift, diesem Newsletter? Welches Wissen kann ich voraussetzen, und was sollte ich sicherheitshalber (nochmals) erklären? Welche Sprache verstehen meine Leser? Wie viel oder wie wenig Text kann ich ihnen zumuten? Kurz gesagt: Versetzen Sie sich ganz in Ihre Leser – und zwar in jene, die nach Ihrer Vorstellung am wenigsten vom Thema des Artikels verstehen. Denn erstens sind das mit Sicherheit mehr als Sie denken, und zweitens bleibt Ihnen gar keine andere Wahl, als den kleinsten gemeinsamen Nenner Ihrer Leser zu suchen.

Denn umgekehrt funktioniert es nicht: Ein mit Fachausdrücken und gedrechselten Schachtelsätzen gespickter Artikel wird eben nur von einer Minderheit Ihrer Leser verstanden, und auch für die wenigen verbliebenen Leser ist ein hochgestochener Text eine Zumutung.

 

Je einfacher, desto besser

Bleiben wir gleich beim Thema Einfachheit. Dazu eine kleine wahre Geschichte: Es galt, eine Drogenberatungsstelle vorzustellen. Der beauftragte Texter besuchte die Einrichtung, sprach mit den Sozialarbeitern und mit Klienten, machte sich ein Bild und schrieb den Text. Als der Leiter diesen Text zur Durchsicht erhielt, zögerte er ein wenig und meinte dann: „Also, ich weiß nicht, der Text ist so ... einfach!" Ob denn etwas nicht stimme, unklar sei oder fehle, wollte der Verfasser wissen. „Nein, es stimmt alles, aber so einfach kann man das doch nicht ausdrücken!” Kann man doch. Denn der Text war nicht für Angestellte der Beratungsstelle, sondern z. B. für potentielle Klienten, Besucher, Förderer usw. geschrieben worden.

Das Beispiel stellt ein weit verbreitetes Missverständns dar: Einfache Sprache wird oft mit einfachem Denken gleichgesetzt. „Einfach schreiben, das kann eh jeder”, wird vermutet. Deshalb versucht man sicherheitshalber, möglichst kompliziert zu formulieren. Dabei kommen dann Sätze wie “Die Problembereiche stellen sich mehrniveaunal und höchst komplex dar" (O-Ton von der Website der erwähnten Beratungsstelle) heraus. Selbstdarsteller auf höchstem Niveau, diese Probleme ... Warum nicht einfach schreiben: “Die Probleme sind vielschichtig und komplex”?

Die Wahrheit ist: Einfach, kompakt und verständlich zu schreiben, ist um vieles schwieriger als umständlich, langatmig und kryptisch. Vor allem dann, wenn es um kompliziertere Dinge geht. Aber die Mühe lohnt sich auf jeden Fall. Auch jene Leser, die durchaus in der Lage wären, schlecht geschriebene Texte geistig zu verarbeiten, werden Ihnen für einen guten Stil dankbar sein.

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