Angst vor Weißraum?

„Von nichts kommt nichts!“ Mag diese Regel für viele ­Bereiche stimmen, in der Gestaltung von Printmedien findet sie mit Sicherheit ihre Ausnahme. Text: Dunja Radler

Das Nichts in Form von Weißraum ist, so lernt es jeder Grafiker, ein sinnvolles Gestaltungselement – und wird dennoch vielfach unterschätzt. Nicht zuletzt im Editorial Design. Manche Herausgeber und nicht wenige Journalisten sehen das Freilassen von Teilen der Gestaltungsflächen gar als Verschwendung von wertvollem Platz an. Doch gerade im Mediendesign kann Weißraum wahre Wunder bewirken und sich positiv auf die Lesefreundlichkeit und vor allem Leselust auswirken. Und darum geht es letztlich: Denn was nützt ein großartig geschriebener Artikel, wenn dem Betrachter beim Anblick einer hoffnungslos überladenen Seite von vornherein die Lust auf das Lesen vergeht?

Spotlight an!
Leere wirkt – das gilt auch in anderen Darstellungsformen. Stellen Sie sich ein Bühnenbild vor, das nur aus einem einzelnen Element, wie z. B. einem Sessel, besteht. Wie viel mehr Bedeutung wird diesem einzelnen Möbelstück beigemessen, wenn es nicht nur nebenbei im Umfeld einer kompletten Zimmereinrichtung wahrgenommen wird? Oder: Der Leadsänger einer Rockband wird immer mit etwas Abstand zu seinen Bandkollegen präsentiert. Warum, ist ganz klar: durch die sichtbare Trennung von seinen Kollegen wird ihm vom Betrachter automatisch mehr Bedeutung beigemessen. Seine Rolle als Aushängeschild der Band wird sofort erkannt, ganz ohne zusätzlich erklärende Worte. Dieses Prinzip der Heraushebung durch Abgrenzung lässt sich auch auf die Mediengestaltung umlegen. Je weniger ablenkende Elemente sich in unmittelbarer Nähe eines Textes oder Bildes befinden, desto mehr Aufmerksamkeit wird auf die separat dargestellte Information gelenkt. Ganz einfach aus dem Grund, weil die begrenzte Aufmerksamkeit des Betrachters nicht auf viele verschiedene Elemente aufgeteilt werden muss. Auch die Orientierung fällt leicht: ein einzelnes Bild auf weiter Flur zeigt dem Betrachter sofort, worauf der Fokus gelegt werden soll.

Entspannung
Eine der wichtigsten Funktionen der weißen Fläche ist die Verbesserung der Lesefreundlichkeit. Das Auge braucht Weißraum als Ruhepunkte – auch in kleinen Dosen. Durch Leerflächen in Form von Textabsätzen oder Einzügen wird dem Leser die Möglichkeit geboten, seine Augen zwischendurch zu entspannen, was besonders bei langen Texten von Bedeutung ist. Selbst wenn die Inhalte interessant sind, wird die Anstrengungsbereitschaft des Lesers sehr oft überschätzt. Niemand kämpft sich freiwillig durch unübersichtliche und das Auge ermüdende Textwüsten!

Spannung
Doch Weißraum entspannt nicht nur, er erzeugt auch Spannung – durch den Kontrast zwischen Weißraum und bedruckter Fläche. Es genügt also nicht, den Weißraum gießkannenartig zu verteilen. Seine Wirkung und Funktion entfaltet er erst, wenn er konzentriert eingesetzt wird.

Weniger ist mehr. Und mehr Arbeit
Um dem Weißraum genügend Platz einzuräumen, braucht es einerseits Selbstbeschränkung auf der redaktionellen Seite, andererseits Mut, grafisches Gespür und auch Anstrengung in der Grafik. Es ist nämlich für beide Seiten einfacher, eine Seite mit Bildern und Texten vollzupflastern, als sich auf Wesentliches zu beschränken und mit Hilfe von weißen Flächen ein für das Auge angenehmes und gleichzeitig anregendes Seitenlayout zu gestalten. Kürzen ist viel Arbeit, reduziertes Gestalten auch – aber beides lohnt sich.

 

Stopp!
Weißraum ist keine Verschwendung von
Gestaltungsfläche, sondern trägt dazu bei,
dass eine Seite einladend wirkt und der
Leser nicht weiterblättert.

Hierher!
Weiße Flächen können als Kontrast zu Text
und Bildern eingesetzt werden, wenn die
Aufmerksamkeit des Betrachters auf
bestimmte Seitenelemente gelenkt werden soll.

Abladen!
Die Welt ist überladen genug. Werfen Sie
Ballast ab und setzen Sie Akzente mit einem
Seiten­layout, das ausreichend Raum hat, um
seine Wirkung optimal zu enftalten.

Ruhe!
Das Verhältnis zwischen Weißraum und
Information kann sehr unterschiedlich sein
– aber selbst kleine Weißflächen können
Ruhepunkte für das Auge schaffen.


Mut!

Noch immer nicht überzeugt? Lassen Sie
Experimente mit mehr „Nichts“ einfach
einmal zu – und warten Sie die Reaktionen
der Leser ab.

 

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